
Der letzte König von Jajce
Manche Städte tragen ihre Geschichte wie ein Ei ihre Form – rund, in sich geschlossen, und doch voller Risse, wenn man genau hinschaut. Jajce ist so eine Stadt. Ihr Name bedeutet „kleines Ei“, und niemand weiß mit letzter Sicherheit, warum.
Warum heißt die Stadt der Wasserfälle wie ein Ei?
Drei Legenden ranken sich um den Namen, keine davon beweisbar, und genau das macht sie interessant. Die einen sagen, der Felsen, auf dem die Burg thront, habe schlicht die Form eines Eis. Andere erzählen, die Baumeister hätten Eier in den Mörser gemischt, um ihn haltbarer zu machen – ein Motiv, das auch bei anderen mittelalterlichen Burgen auftaucht. Die von Historikern am häufigsten genannte Erklärung ist die konkreteste: Graf Hrvoje Vukčić Hrvatinić, der enge diplomatische Beziehungen zum neapolitanischen Hof pflegte, ließ die Burg nach dem Vorbild des Castello dell’Ovo bei Neapel errichten – der „Eierburg“.
Die Krönung, die Europa retten sollte
Am 17. November 1461 wird Stjepan Tomašević in der Marienkirche von Jajce zum König von Bosnien gekrönt – mit einer Krone, die Papst Pius II. eigens gesandt hatte. Es ist die erste Krönung eines bosnischen Königs mit römischer Legitimation, ein diplomatischer Kraftakt in einem Moment äußerster Not: Im Norden drängt der ungarisch-kroatische König Matthias Corvinus auf seine Oberherrschaft, im Süden wächst die Bedrohung durch das expandierende Osmanische Reich.
Die Hilfe kommt nicht rechtzeitig.
Der Fall
Im Frühjahr 1463 zieht Sultan Mehmed II. mit einem großen Heer nach Bosnien. Bobovac, die königliche Residenzstadt, fällt im Mai kampflos. Stjepan Tomašević flieht nach Ključ, wo er sich unter einem schriftlichen Sicherheitsversprechen ergibt – einer Ahdnama des osmanischen Großwesirs Mahmud Pascha. Zurück nach Jajce gebracht, lässt Sultan Mehmed II. das Versprechen durch das Rechtsgutachten eines persischen Gelehrten für ungültig erklären. Auf dem Carevo Polje, dem „Kaiserfeld“ nahe Jajce, wird der König enthauptet.
Damit endet die eigenständige bosnische Königsherrschaft für Jahrhunderte.
Was Jahrhunderte später noch nicht vorbei war

Die Gebeine des Königs fanden ihre letzte Ruhe im Franziskanerkloster von Jajce. 1992, als bosnisch-serbische Truppen die Stadt einnahmen, flohen die Franziskanermönche und nahmen die Gebeine zum Schutz mit nach Split. Erst 1997 kehrten sie zurück, die offizielle Wiederbeisetzung in einem neuen gläsernen Sarg fand 1999 statt.
Eine Geschichte aus dem 15. Jahrhundert, die sich noch in den 1990er Jahren fortschrieb.
Der Bärenturm und ein Wasserfall mitten in der Stadt

Zur Festungsanlage gehört der Medvjed Kula, der Bärenturm – bis zu sechs Meter dicke Mauern, romanischer Baustil. Auch hier zwei Erklärungen für den Namen: die „bärenhafte“ Wucht der Bauweise, oder die volkstümlichere Version, dass hier einst tatsächlich Bären gehalten wurden.
Nur wenige Schritte entfernt liegt der rund 20 Meter hohe, etwa 50.000 Jahre alte Wasserfall mitten im Stadtzentrum – ein seltener Anblick, auch wenn Jajce ihn gern als weltweit einzigen seiner Art bewirbt (Orte wie Edessa in Griechenland oder Bad Gastein haben Ähnliches zu bieten). Was Jajce tatsächlich einzigartig macht: der Wasserfall entsteht genau an der Mündung zweier Flüsse, der Pliva in den Vrbas, direkt unter einer jahrhundertealten Festung. Dazu ein Mithras-Tempel aus dem 3./4. Jahrhundert und die Mlinčići, zwanzig kleine historische Holzwassermühlen zwischen den beiden Pliva-Seen. Über 30 Nationaldenkmäler stehen in dieser kleinen Stadt.
Vielleicht ist das die eigentliche Legende von Jajce: eine Stadt, klein genug für ein Ei, und doch groß genug, um ein ganzes Königreich enden und wieder auferstehen zu lassen.
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