
Čelo und die vier Bräute
die Geschichte, die mein Vater als seine eigene erzählte
Auftakt der Märchen-Reihe auf Kahva & Ćilim
Mit dieser Geschichte beginnt eine neue Rubrik hier auf dem Blog: Märchen und Sagen vom Balkan, die durch Erzählen am Leben gehalten wurden — manche jahrhundertealt und in Büchern nachlesbar, manche wie diese hier nur in einer einzigen Familie überliefert. Den Anfang macht die persönlichste von allen.
Es gab eine Geschichte, die ich meinen Vater immer wieder erzählen lassen konnte. Ich musste nicht warten, bis Abend war, nicht warten, bis ein bestimmter Anlass kam. Ich musste nur fragen — „Priča o Čeli, babo“ — und er ließ, was er gerade tat, für einen Moment stehen.
Er nahm sich Zeit dafür. Immer. Als wäre die Geschichte zu wichtig, um sie nebenbei zu erzählen.
Heute, viele Jahre später, glaube ich zu verstehen, warum.
Die Geschichte
In einem Dorf, nicht weit von Glamoč, lebte ein Junge, den alle nur Čelo nannten — der Kahlköpfige. Er hatte Brüder, und die Brüder waren nicht gut zu ihm. Er arbeitete mit ihnen zusammen in der Familienmühle, tat, was von ihm verlangt wurde, und bekam dafür wenig als Spott zurück.
Als der Car — der Herrscher — im Land ein großes Hoffest ausrief, bei dem seine Töchter mit Prüfungen vermählt werden sollten, zogen Čelos Brüder los, geschmückt und stolz. Čelo aber blieb zurück. Man hatte ihn erst gar nicht gefragt, ob er mitkommen wolle. Für sie war er ohnehin nur der Kahlköpfige von der Mühle.
Doch als er allein war, erschien ihm der Dobri — sein Schutzengel. Und der Dobri schenkte ihm eine kleine Streichholzschachtel mit vier Hölzern darin.
„Jedes dieser Hölzer“, sagte der Dobri, „wird dir ein Pferd bringen, wenn du es entzündest. Ein Rotschimmel, ein braunes, ein weißes, ein schwarzes — jedes mit einer Verkleidung, die dich unkenntlich macht.“

Und so geschah es. Nacheinander, an vier aufeinanderfolgenden Tagen, entzündete Čelo die Hölzer, bestieg die Pferde, kleidete sich als fremder Ritter — und bestand, unerkannt von jedem, alle vier Prüfungen des Hofes: den Apfelschuss vom Turm, den Sprung über die Grube, den Kampf gegen den Div (Riese), den Kampf gegen den Drachen.
Niemand wusste, wer der geheimnisvolle Ritter war, der Tag für Tag erschien, gewann, und wieder verschwand. Seine eigenen Brüder standen unter den Zuschauern und ahnten nicht, dass der Mann, den sie zu Hause verspotteten, derselbe war, den sie am Hof bewunderten.
Am Ende hatte Čelo vier Bräute gewonnen — und dazu Gold.
Und dann kam der Teil der Geschichte, bei dem mein Vater jedes Mal langsamer wurde, als wolle er sicherstellen, dass ich ihn wirklich hörte:
Čelo teilte alles, was er gewonnen hatte, mit seinen Brüdern. Großmütig, ohne zu zögern — obwohl sie ihm nie etwas gegönnt hatten. Er selbst nahm sich nur die jüngste, schönste Braut und wurde am Ende selbst Car.
Warum mein Vater mitlitt

Als Kind hörte ich diese Geschichte als Abenteuer — Pferde, Verkleidungen, Drachen, ein Happy End. Heute denke ich, mein Vater hörte etwas anderes darin.
Er erzählte sie nicht wie eine Geschichte über einen anderen. Er erzählte sie, als wäre er selbst Čelo gewesen. Mit so viel Gefühl, mit so viel Zeit, dass ich als Kind spürte: hier steckt mehr als nur eine Geschichte. Ich glaube heute, er litt mit Čelo mit — weil auch seine eigenen Brüder nicht immer gut zu ihm waren. Weil er wusste, wie es sich anfühlt, unterschätzt zu werden von denen, die einen eigentlich kennen sollten.
Und wenn die Geschichte zu Ende war, ließ er es nie dabei bewenden. Er sprach mit mir darüber, was sie bedeutete. Zwei Dinge kehrten dabei immer wieder:
Dass der wahre Wert eines Menschen sich zeigt — auch wenn andere ihn nicht sehen wollen. Čelo musste sich verkleiden, um überhaupt eine Chance zu bekommen. Aber die Fähigkeit, der Mut, das Herz — die waren die ganze Zeit schon da, unter der Kahlköpfigkeit, unter dem Spott der Brüder.
Dass Großzügigkeit stärker ist als erlittenes Unrecht. Čelo hätte sich rächen können. Er hätte seinen Brüdern zeigen können, was sie verpasst hatten, indem er ihnen nichts gab. Stattdessen teilte er alles. Nicht, weil er vergaß, was ihm angetan wurde — sondern weil er größer war als die Kränkung.
Was bleibt
Mein Vater ist nicht mehr hier, um mir diese Geschichte noch einmal zu erzählen. Aber wenn ich sie aufschreibe, höre ich seine Stimme dabei — langsamer bei den wichtigen Stellen, mit einem Nachdruck, der mir sagte: das hier ist wichtig, merk es dir.
Diese Fassung von Čelo und den vier Bräuten existiert nirgendwo sonst schriftlich. Sie ist keine Version aus einem Buch, sondern eine, die ausschließlich mündlich in unserer Familie aus Glamoč weitergegeben wurde — von meinem Vater an mich. Es fühlt sich richtig an, dass sie hier den Auftakt bildet: der persönlichste Anfang für eine Reihe, die genau davon handeln soll — von den Geschichten, die durch Erzählen am Leben gehalten wurden, lange bevor sie irgendwo aufgeschrieben standen.
Kennst du diese Geschichte in einer anderen Version, oder hat dir jemand in deiner Familie eine ähnliche Geschichte erzählt? Schreib mir gerne an hallo@kahvacilim.de — vielleicht wird deine Erinnerung eines Tages Teil dieser Reihe.
Bildnachweise
Header-Bild: Sternenhimmel — Foto von Jonathan Gagnon auf Unsplash
Streichholz-Foto: Foto von Yaoqi auf Unsplash
Pferde-Foto: Foto von Ximun auf Unsplash
Das könnte dich auch interessieren
- Merak — die Kunst, sich an Kleinigkeiten zu erfreuen
- Čelo und die vier Bräute — die Geschichte, die mein Vater als seine eigene erzählte
- Der letzte König von Jajce
- Čejf — das Wort, das Hygge in den Schatten stellt
- Bosnische Kaffeekultur: Von Äthiopien bis zur ersten Kafana in Sarajevo
