
Merak — die Kunst, sich an Kleinigkeiten zu erfreuen
Ein Wort aus der Čejf-Reihe: über kleine Dinge, große Freude und warum der Balkan dafür ein eigenes Vokabular hat
Mein Vater, der Meraklija
Mein Vater saß gerne in Kafanas. Nicht, um sich zu betrinken oder die Zeit totzuschlagen — sondern weil er dort Gesellschaft hatte, ein gutes Gespräch, vielleicht Musik, eine Runde Kaffee mit Freunden. Er genoss das mit einer Hingabe, die man ihm sofort ansah. Nachbarn, Familie, Freunde und Bekannte nannten ihn deshalb alle beim gleichen Namen: Meraklija.
Ein Meraklija ist jemand, der Merak lebt — nicht nur gelegentlich empfindet, sondern zu seiner Art zu sein gemacht hat. Es ist eigentlich ein Ehrentitel, auch wenn er beiläufig daherkommt. Man wird nicht Meraklija, weil man reich ist oder viel Zeit hat. Man wird es, weil man die kleinen, schönen Dinge im Leben mit voller Absicht auskostet — und das für alle sichtbar.
Und genau da beginnt das Wort, um das es heute geht.
Was Merak eigentlich bedeutet
Merak (bosnisch/kroatisch/serbisch: merak, aus dem Türkischen merak, das wiederum auf das Arabische/Persische zurückgeht, wo es ursprünglich „Neugier“ oder „Verlangen“ bedeutete) hat auf dem Balkan eine ganz eigene Bedeutung angenommen: die tiefe, fast kindliche Freude an etwas Kleinem, Einfachem — verbunden mit der Lust, es sich bewusst zu gönnen.
Merak ist kein Zustand wie Čejf. Čejf ist das Verweilen selbst — das Nichtstun, das sich Zeit lassen. Merak dagegen braucht ein Objekt. Man hat Merak auf etwas oder für etwas: auf eine bestimmte Musik, auf einen Spaziergang bei Regen, auf das langsame, sorgfältige Kochen eines Gerichts, das man auch in zehn Minuten hätte fertig haben können.
Der Unterschied lässt sich so zusammenfassen:
- Čejf = der Zustand des Verweilens (das Wie)
- Merak = die Freude an einer bestimmten Sache (das Was)
Man könnte sagen: Čejf ist die Bühne, Merak ist das Stück, das darauf gespielt wird.
Merak ist keine Bequemlichkeit — es ist Hingabe
Ein wichtiger Unterschied zu ähnlichen Konzepten, die im Westen gerade Konjunktur haben: Merak ist nicht Faulheit, und es ist auch nicht bloß „Genuss“ im hedonistischen Sinne. Es steckt eine Form von Hingabe darin, fast handwerklicher Natur.
Wer Merak beim Kaffeekochen hat, kocht ihn nicht schneller, weil er Zeit sparen will — im Gegenteil. Die Röstung wird sorgfältig ausgesucht, der Dzezva langsam erhitzt, der Schaum (Kajmak) mit einem kleinen Ritual abgeschöpft. Das Ergebnis schmeckt vielleicht nicht objektiv „besser“ als aus der Kaffeemaschine. Aber der Weg dahin war der eigentliche Sinn.

Das unterscheidet Merak auch von vergleichbaren Konzepten:
- Hygge (dänisch) betont Geborgenheit und Gemütlichkeit als Zustand — meist passiv.
- Ikigai (japanisch) beschreibt den Lebenssinn, oft mit beruflicher oder existenzieller Dimension.
- Merak ist kleiner, alltäglicher, konkreter — es braucht kein großes Warum, nur ein bestimmtes Ding, das man liebt zu tun.
Merak im Alltag — ein paar Beispiele
Merak zeigt sich selten spektakulär. Typische Situationen, in denen man auf dem Balkan von Merak spricht:
- Jemand pflanzt stundenlang Blumen auf dem Balkon, obwohl ein Gärtner es in der Hälfte der Zeit könnte
- Jemand poliert das Auto am Sonntagvormittag, obwohl es sowieso gleich wieder staubig wird
- Jemand kocht Sarma über Stunden, obwohl Fertiggerichte längst erfunden sind
- Jemand sitzt mit der Gitarre auf der Treppe und spielt dasselbe Lied dreimal, nur weil es sich beim dritten Mal richtig anfühlt
Der gemeinsame Nenner: Es gibt keinen praktischen Grund. Der Grund ist die Freude selbst.
Wie du Merak selbst finden kannst
Merak lässt sich nicht erzwingen, aber man kann ihm Raum geben:
- Frag dich nicht „wozu“, sondern „worauf hab ich Lust“ — Merak beginnt dort, wo Effizienz aufhört, das Ziel zu sein.
- Erlaube dir, etwas länger zu machen, als nötig — den Tee ziehen lassen, den Brief mit der Hand schreiben, den Umweg gehen.
- Wähle etwas Kleines, Konkretes — ein Gericht, ein Ritual, ein Objekt. Merak lebt vom Detail, nicht vom großen Plan.
- Beobachte, wobei du ohne Aufforderung sorgfältig wirst — genau dort steckt dein persönlicher Merak schon.
Merak in der Diaspora — zwischen Terminkalender und Sehnsucht
Hier stellt sich die eigentliche Frage: Wie lebt man Merak, wenn der Alltag im Ausland nach ganz anderen Regeln tickt? Die Kafana um die Ecke gibt es nicht, die Nachbarschaft kennt sich nicht wie im Dorf, und zwischen Job, Kindern und Pendelzeiten bleibt oft kaum Luft für ein „unnötiges“ Vergnügen.
Aber gerade deshalb lohnt es sich, Merak nicht als etwas zu verstehen, das man „mitgebracht“ hat und das mit der Zeit verblasst — sondern als etwas, das man sich bewusst neu einrichtet. Ein paar Gedanken dazu:
- Merak braucht keinen Ort, nur eine Haltung. Man muss nicht in einer Kafana sitzen, um Meraklija zu sein. Der Sonntagvormittag mit langsam gekochtem Kaffee auf dem Balkon der Mietwohnung funktioniert genauso — wenn man ihm den gleichen Stellenwert gibt.
- Kleine Rituale schlagen große Pläne. In der Diaspora fehlt oft die Zeit für ausgedehnte Kafana-Nachmittage. Aber fünfzehn Minuten mit der Dzezva, bewusst und ohne Handy, sind genauso Merak wie ein ganzer Nachmittag.
- Gemeinschaft neu erfinden. Der Meraklija-Titel entstand aus der Nachbarschaft, die einen dabei beobachtete. In der Diaspora übernehmen das oft andere Landsleute, eine WhatsApp-Gruppe, ein gemeinsamer Kaffeeklatsch am Wochenende — die Form ändert sich, der Kern bleibt.
- Merak als Anker gegen die Beschleunigung. Gerade weil die Zeit im Ausland „schneller läuft“ — mehr Termine, mehr Effizienzdruck — wird Merak zu einer stillen Form von Widerstand: dem bewussten Innehalten bei einer Sache, die man liebt, ganz ohne Produktivitätslogik.
Man könnte sagen: Je hektischer der Alltag, desto wertvoller wird ein einziger Merak-Moment am Tag. Nicht als Nostalgie nach der Heimat, sondern als aktive Entscheidung, sich selbst treu zu bleiben — egal wo man lebt.

Ein Wort, das mehr sagt als „Hobby“
Im Deutschen würden wir vielleicht „Hobby“ oder „kleine Freude“ sagen. Aber beide Wörter treffen es nicht ganz. Ein Hobby ist etwas, das man hat. Merak ist etwas, das man in diesem Moment fühlt — und das kann sich sogar bei derselben Tätigkeit von Tag zu Tag unterscheiden.
Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum solche Wörter aus dem Balkan es wert sind, erzählt zu werden: Sie beschreiben nicht, was wir tun, sondern wie wir uns dabei fühlen — und dafür fehlt uns oft die Sprache.
Dieser Artikel ist Teil der Čejf-Reihe auf Kahva & Ćilim — Geschichten, Legenden und Wörter vom Balkan für die Diaspora.
Bildnachweise
Alle Bilder in diesem Artikel wurden mit KI (Gemini) erstellt.
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