
Čejf — das Wort, das Hygge in den Schatten stellt
Vielleicht kennst du Hygge schon. Kerzenlicht, dicke Wollsocken, eine Tasse Tee unter der Decke – das dänische Konzept hat es in den letzten Jahren bis in jeden zweiten Einrichtungsblog geschafft. Was du wahrscheinlich noch nicht kennst: sein bosnisches Gegenstück. Und das unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt.
Was Hygge eigentlich ist
Hygge stammt ursprünglich gar nicht aus dem Dänischen, sondern aus dem Altnorwegischen, wo es so viel wie „Wohlbefinden“ bedeutete. Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts tauchte es erstmals schriftlich im Dänischen auf und wurde seither zu einem festen Teil der dänischen kulturellen Identität. Populär im großen Stil wurde es vor allem durch Meik Wiking und sein The Little Book of Hygge – seither gilt Dänemark international fast als Synonym für das Konzept.
Im Kern beschreibt Hygge ein Gefühl von Geborgenheit und behaglicher Zufriedenheit: Kerzenlicht, eine warme Decke, ein gemeinsamer Abend mit engen Freunden. Es ist, wie es in der Forschung oft heißt, in erster Linie häuslich und materiell – es lebt von Objekten und Atmosphäre. Ein gemütliches Wohnzimmer im Winter ist der Inbegriff von Hygge.
Čejf ist etwas anderes
Und genau hier trennen sich die Wege. Čejf – ein Wort, das aus dem Türkisch-Osmanischen ins Bosnische kam – lässt sich nicht in Kerzen und Decken fassen. Es ist keine Einrichtung. Statt einer Einrichtung ist es ein Lebensrhythmus und eine soziale Praxis.
Es gibt einen Satz, der das genau trifft: „Kafa je ćejf koji se ne može platiti.“ Kaffee ist ein Genuss, den man nicht bezahlen kann. Čejf entsteht nicht dadurch, dass man sich eine bestimmte Umgebung schafft, sondern dadurch, dass man sich Zeit nimmt – für ein Gespräch, für eine Tasse Kaffee, die man nicht hinunterstürzt, sondern in kleinen Schlucken über eine Stunde trinkt. Dafür braucht es keine Kerzen. Nur jemanden, mit dem man sich hinsetzt, und die bewusste Weigerung, auf die Uhr zu schauen.
Wenn Hygge etwas ist, das man sich zuhause einrichtet, ist Čejf etwas, das man mit anderen lebt.
Näher dran: Dolce Far Niente und Sobremesa
Wer nach Vergleichen sucht, wird international eher bei zwei anderen Konzepten fündig als bei Hygge: dem italienischen Dolce Far Niente, dem „süßen Nichtstun“, und dem spanischen Sobremesa, dem langen Verweilen am Tisch nach dem Essen, nur um zu reden. Beide sind, wie Čejf, eher an Zeit und Gesellschaft gebunden als an Gegenstände. Der Unterschied zu Čejf: Sobremesa ist an den Tisch nach dem Essen gebunden, Dolce Far Niente eher an bewusste Untätigkeit. Čejf ist beweglicher – es kann am Kaffeetisch entstehen, auf der Straße bei einem zufälligen Gespräch, oder einfach beim Warten, wenn man sich entscheidet, dieses Warten nicht als verlorene Zeit zu behandeln.
Wie du Čejf selbst finden kannst, egal wo du bist
Čejf braucht keinen bestimmten Ort und keine bosnischen Wurzeln. Es braucht nur diese kleine, bewusste Entscheidung, jetzt gerade nicht zu eilen. Ein paar Anhaltspunkte, egal ob du in Sarajevo sitzt oder in deiner eigenen Küche:
- Mach eine Tasse, keine To-go-Version. Setz dich hin. Der Unterschied zwischen „Kaffee to go“ und Čejf beginnt schon damit, dass du dich für einen Moment nirgendwo hinbewegst.
- Leg das Telefon aus der Hand. Nicht stumm, nicht umgedreht – aus dem Raum, in dem du sitzt.
- Sprich mit jemandem ohne Zeitlimit im Kopf. Kein „ich hab nur fünf Minuten“. Wenn du das im Kopf mitträgst, ist es schon kein Čejf mehr.
- Trink langsamer, als du es gewohnt bist. Kleine Schlucke. Pausen dazwischen. Kein Ziel, die Tasse leer zu bekommen.
- Lass die Stille stehen. Ein Gespräch mit Pausen ist kein unangenehmes Schweigen – es ist Teil des Čejf.
Es dauert selten länger als eine halbe Stunde. Aber genau die Entscheidung, diese halbe Stunde nicht zu optimieren, ist der ganze Unterschied.
Warum das mehr ist als ein netter Sprachvergleich
Hygge ist zu einem globalen Lifestyle-Trend geworden, der sich erstaunlich gut verkaufen lässt: Kerzen, Decken, Deko. Čejf lässt sich nicht verkaufen, weil es kein Produkt ist, das man kaufen kann – es ist eine Haltung gegenüber Zeit selbst. Genau das macht es, ehrlich gesagt, komplizierter zu vermarkten, aber auch ehrlicher als Konzept: Man kann sich keinen Čejf ins Regal stellen. Man muss ihn sich nehmen.
Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum Čejf in der Diaspora oft am meisten fehlt, sobald man in ein schnelleres, effizienzgetriebenes Leben zurückkehrt. Es lässt sich nicht nachkaufen. Nur wieder üben.
Und der beste Moment dafür ist nicht morgen, wenn mehr Zeit ist – sondern die nächste Tasse Kaffee, die du dir sowieso machst.

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