Der Moment an der Grenze
Es passiert nicht auf der Autobahn. Nicht beim Kofferpacken, nicht beim letzten Kaffee mit der Familie, nicht mal beim Winken aus dem Autofenster. Es passiert an einem ganz bestimmten Punkt: dem Grenzübergang Stara Gradiška.
Kurz davor gibt es immer noch einen letzten Burek. Man isst ihn, ohne groß darüber nachzudenken — aber im Rückblick ist es fast ein kleines Ritual: der letzte Bissen Bosnien, bevor der Schlagbaum kommt.
Solange man in Bosnien ist, ist man in Bosnien. Ganz. Der Kaffee wird noch gekocht, nicht gemacht. Man setzt sich, man bleibt sitzen, man redet, ohne auf die Uhr zu schauen. Es gibt ein Wort dafür — Čejf — und es ist kein Zustand, den man sich vornimmt. Er ist einfach da, wie die Luft.
Und dann, an der Grenze zu Kroatien, ist er weg.
Nicht langsam. Nicht über Kilometer. An einem Punkt.
Das ist merkwürdig, wenn man darüber nachdenkt. Kroatien ist kein fremdes Land. Man versteht die Sprache, man kennt die Gesichter, es ist Ex-Yu, genau wie das, was man gerade verlassen hat. Und trotzdem — sobald der Schlagbaum von Stara Gradiška hinter einem liegt, ist etwas anders. Die Schnelligkeit ist zurück. Der Čejf ist weg. Und mit ihm ein Teil von einem selbst, der einfach dort geblieben ist, auf der anderen Seite.
Ich habe lange gedacht, das sei nur meins — ein Gefühl, für das mir die Worte fehlen, weil niemand in meinem Alltag es teilt. Aber es hat einen Namen. Mehrere sogar.
Psycholog:innen nennen es Ambiguous Loss — einen Verlust, der sich nicht klar abschließen lässt, weil das, was man verliert, gleichzeitig noch da ist. Nicht erreichbar, aber präsent. Physically absent, yet psychologically present, wie es in der Forschung heißt. Bosnien verschwindet nicht, wenn ich die Grenze überquere. Es bleibt in mir — nur nicht mehr um mich herum.
Es gibt noch einen zweiten Begriff, der genauso gut passt: Reverse Culture Shock. Der Schock, der nicht beim Ankommen im fremden Land entsteht, sondern beim Zurückkommen ins eigene. Die plötzliche Beschleunigung. Die Ungeduld, die wieder da ist, bevor man sich’s versieht. Das Gefühl, in zwei Geschwindigkeiten zu leben und keine davon ganz loszulassen.
Ich habe nach einem bosnischen Wort dafür gesucht. Ehrlich gesagt — ich habe keins gefunden. Für Sehnsucht gibt es Sevdah. Für das langsame, wohlige Verweilen gibt es Čejf. Aber für diesen einen Moment, an der Grenze, wenn beides gleichzeitig passiert — der Verlust und die Beschleunigung — dafür gibt es kein eigenes Wort. Vielleicht, weil es zu spezifisch ist. Vielleicht, weil es niemand vor uns so genau beschreiben musste.
Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Es ist ein Gefühl, das der Diaspora gehört, nicht dem Land selbst. Ein Gefühl, das nur entsteht, wenn man zwischen zwei Orten lebt und keinen davon ganz aufgibt.

